Hans Henzi zum Gedenken

Hans Henzi* zum Gedenken

4. 8. 1895 – 29. 6. 1991

Aus dem <Jahrbuch des Oberaargaus> 1992 Dr. Karl H. Flatt  (*war mein Pflegevater – Fotos von mir ad)

20170701_095727_resizedZu einem Patriarchen war er geworden, der ehemalige Buchser Sekundarlehrer, Dorfchronist und Jahrbuchfreund, als er nach Vollendung des 90. Lebensjahrs sein jahrzehntelanges Wirkungsfeld, das Dorf „unter den Sternen“, sein Haus am Hubel verliess, um seine letzten Jahre im Burgerspital (Altersheim für Bernburger) der Vaterstadt Bern zu verbringen.

Von Altersgebrechen blieb er nicht verschont, aber „seiner geistigen und körperlichen Vitalität waren bis ins hohe Alter kaum Schranken gesetzt“. Gütig und bescheiden wie eh nützte er die Tage im Ringen um die letzten Dinge. „Solange ich noch gehen, d.h. mich vorwärts bewegen kann, geht es. Ich bin so lange lebendig, wie ich jeden Tag etwas Neues lernen kann.“

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Verwurzelt in der *anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner, ohne mit der Landeskirche zu brechen, beeindruckt von der Begegnung mit Dr. Stylianos Atteshlis (Foto 1990: Hans Henzi und Daskalos in Herzogenbuchsee), in innigem Einvernehmen mit seiner Pflegetochter Hajna Aniko Drozdy, die ihn betreute und sein Haus als <Zentrum für integrales Denken und Handeln> weiterführte, verschied Hans Henzi am 29. Juni 1991.

Die folgenden Verse von Christian Morgenstern waren Hans Henzis Lieblingsgedicht:

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann’s doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen:
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.

Hans Henzi STudent

Hans Henzi war Bern-Burger, Spross eines Gelehrten- und Offiziersgeschlechtes, Nachkomme jenes Hauptmanns Samuel, der – als Redaktor des <Mercure Suisse> der Aufklärung verpflichtet – seine geistige Führung einer Oppositionsbewegung gegen die autokratische Regierung nicht nur mit Verbannung, sondern 1749 auch mit dem Leben bezahlt hatte. Hans fühlte sich – bei aller geistigen Unabhängigkeit kein Rebell – eher jenem Samuel Gottlieb Rudolf (1794-1829) verbunden, der in zaristischem Dienst als Professor der Exegese und der orientalischen Sprachen an der Universität Dopat in Livland gewirkt hatte.

Hans Henzi Bethli GretiSeine Wurzeln gründeten aber auch in der Landschaft: seine Mutter war die Tochter des Inkwiler Landwirts Johann Schär, Mitstreiter Dürrenmatts, Regierungs- und Nationalrat, den Vikar Bitzius aus der Taufe gehoben hatte. Überdies wuchs Henzi im Pfarrhaus Koppigen auf und war damit seit jung dem Land Önz und unterer Emme verbunden, das auch den werdenden Gotthelf prägte. Der spätere Wirkungskreis Buchsi lag damit nahe. (Hans mit seinen Schwestern Elisabeth und Margaretha )

Grosse Hilfsbereitschaft, Fleiss und Wissbegierde sollen schon den Burgdorfer Gymnasiasten ausgezeichnet haben, der Zeit seines Lebens eine Synthese zwischen Sprache, Geschichte und Naturwissenschaft sucht.

Sein Studium an den Universitäten Bern, Lausanne, London und Paris war aber um die Sprache zentriert – den klassischen gehörte seine Neigung ebenso wie der modernen. Bereits 1918 an die Sekundarschule Herzogenbuchsee gewählt, blieb er dieser bis zu seiner Pensionierung treu, wurde zum gelehrten, feinsinnigen und bescheidenen Ludi Magister, gerecht und bei den Schülern beliebt, aber streng in den Anforderungen – auch an sich selbst.

Henzi, ein Mann, klein von Statur, wusste sich als geistige Autorität durchzusetzen. Im Zentrum stand für ihn die Muttersprache; den Französischunterricht lockerte er mit Flötenspiel und Chansons auf.

Irma HenziKaum nach Buchsi gekommen, hatte er sich mit der St. Gallerin Irma Anderegg, Hauswirtschaftslehrerin und  Mitarbeiterin im <Kreuz>, verheiratet. Ihre sozialen Neigungen und geistigen Interessen trafen sich. Angesichts ihrer Kinderlosigkeit fanden die Eheleute nicht nur in der Anthroposophie Trost – „damals begann mein Leben“ — , sondern widmeten sich mit grosser Befriedigung der Pflege und Erziehung von Kindern aus Kriegsversehrten Ländern: So wurde die Enkelin des bekannten ungarischen Pädagogen, Gyula Drozdy, die Pflegetochter und Erbin des Ehepaars.

Zwar suchte Hans Henzi keine äusseren Ehren; bald aber fanden die Herausgeber der wissenschaftlichen Gotthelf-Ausgabe, des schweizerischen Sprachatlas und Atlas der Volkskunde, der bernischen Kirchengeschichte und des Ortsnamenbuches in ihm einen sachkundigen und bereitwilligen Mitarbeiter. Doch erst mit seiner Pensionierung konnte er  sich vermehrt eigenen Forschungen widmen.

Während sein Nachbar und jüngerer Kollege Schulinspektor Werner Staub zu den Jahrbuchgründern gehörte, stiess Hans Henzi erst später dazu, hat sich diesem Werk dann aber als eifriger und wertvoller Mitarbeiter voll zugewandt. In den Jahren 1966 bis 1981 erschienen aus seiner Feder nicht nur Beiträge zur Haus- und Dorfgeschichte, sondern auch zur Volks- und Ortsnamenkunde, Biographisches. Im Unterschied zu Staub, dem rhetorische Begabung und eine leichte Feder eigen waren (vgl. Jahrbuch 1986), kam Hans Henzi als unermüdlicher Sammler, Grübler und Analytiker nicht leicht zur Synthese. Aber so, wie er Unzähligen mit Rat und Tat immer wieder geholfen hatte, fand er nun in alten Tagen auch die Unterstützung von Freunden und ehemaligen Schülern, um sein Lebenswerk zu vollenden und abzurunden: 1978 erschien die <Kirche der Bergpredigt> als Würdigung der grössten bernischen Landes Kirche, 1985 – zu seinem 90. Geburtstag – das Werk <Herzogenbuchsee> in der Reihe der <Berner Heimatbücher> mit Beiträgen von Werner Staub und Samuel Gerber. Das Pfarrdorf mit seinen reichen Vergangenheit hatte nun endlich eine adäquate Darstellung gefunden.

Schon Samuel Friedrich Moser hatte den Entwurf einer Dorfchronik hinterlassen; wie die Fassung seines Sohnes, Fürsprech Karl Moser (Suppenkari), im Brand unterging, hat Maria Waser festgehalten. Kleinere Beiträge von Alexander Stähli, Otto Joneli und Werner Staub folgten. Allein: „Seit jener Zeit war in unserem Dorf immer nur von einem Mann die Rede, der über das Wissen, die Geduld, die Exaktheit und den Forschergeist verfügt, eine solche Chronik neu schreiben zu können: Hans Henzi“, bezeugt Gemeindepräsident R. Neuenschwander im Vorwort von 1985.

Doch Hans Henzi tat mehr: er knüpfte wohl mit Respekt an die grosse Epoche Buchsis mit seinen bedeutenden   Frauen und Männern des 19. Jahrhunderts an, grub aber tiefer ins Pfarr- und Gerichtsdorf des Ancien Régime, in die Zeit der Benediktiner Propstei und des zähringisch-kyburgischen Dorfes zurück. Er durchforschte und ordnete nicht nur die Archive des Dorfes, sondern auch die der Nachbargemeinden. Die Gefundene und in den Zusammenhang Gestellte präsentierte er der Öffentlichkeit auch im Jahrbuch, hauptsächlich in zahlreichen Referaten und Zeitungsartikeln.

<Er schenkte der Gemeinde unzählige gesammelte, präzis beschriftete Dokumente aus Buchsis Geschichte und legte damit den Grundstein zum heutigen Dorfarchiv> (Würdigung Dr. S. Gerber namens des Gemeinderates). Aus diesem Fundus werden auch künftige Generationen schöpfen können.

20170630_165759_resized_1Damit war aber auch ein staatsbürgerliches Anliegen verknüpft: in einer Zeit des raschen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandels, des ungebremsten Wachstums trug Henzis Tätigkeit bei, das Selbstbewusstsein, die Tradition, die Integrationskraft und das kulturelle Leben der Gemeinde zu befruchten. Die Anregung, das Vorbild zündete bei zahlreichen jüngeren Leuten, die Henzis Werk fortführen und weiterentwickeln; geschärft wurde auch das Verantwortungsbewusstsein der Behörde. Aus diesem Geist heraus erfolgte 1970 die Renovierung der traditionsreichen und dominanten Kirche, 1982/86 des Gemeindehauses, das in seinem Kern nicht nur das reformierte Pfarrhaus, sondern die Probstei des 13. Jahrhunderts birgt.

1983 erstrahlte das 400jährige Kornhaus im alten Glanz seiner Zimmermannskunst. Es trat mit seinem Archiv, der Bibliothek und Ausstellungshalle (Museum) als neues kulturelles Zentrum neben das alte im <Kreuz>.

Schöne alte Häuser zu pflegen und sie zu erhalten, genügt nicht; sie brauchen eine lebendige Funktion, wo der Geist des Menschen weht. So konnte denn Hans Henzi bei seinem 90. Geburtstag mit Dank und Befriedigung auf sein Wer zurückblicken: Seine Saat war im Dorf vielfältig aufgegangen.

In seinen letzten Jahren konnte er sich getrost universellen und überirdischen Fragen in neuer Intensität zuwenden. Zu Recht bezeugte der Gemeinderat anlässlich seines Hinschieds; „Herzogenbuchsee verliert in ihm nicht nur einen hervorragenden Wissenschaftler, sondern auch einen immer hilfsbereiten, für das gemeindewohl engagierten Menschen, dessen Lebenswerk für die Gemeinde von unschätzbarem Wert ist.“

*) Unter Anthroposophie verstehe ich die wissenschaftliche Erforschung der „geistigen Welt“, welche die Einseitigkeiten einer bloßen Naturwissenschaft (Erkennen des Äußeren) ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik (Erkennen des Inneren) überwindet, und die, bevor sie den Versuch macht, in die „übersinnliche Welt“ einzudringen, dazu in der erkennenden Seele Fähigkeiten entwickelt, um ein solches Eindringen erst zu ermöglichen. Rudolf Steiner –  Meine Begegnung mit Rudolf Steiner

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