Grossvater und ich

 

Kisorszi in Ungarn – 27. April 2019  –  Im Garten meines Grossvaters 

Zum Gedenken an den Pädagogen Gyula Drozdy 

Gedanken von seiner Enkelin  Hajna-Aniko Drozdy – Zürich – Schweiz

Sehr verehrte Damen und Herren, meine liebe Schwester Emese, liebe Familienmitglieder!

Es ist für mich ein grosses Geschenk und eine Ehre, heute hier mit euch sein zu dürfen. In diesem Garten habe ich vor über 70 Jahren gespielt und habe teilweise noch Erinnerungen an diese Zeit.

Wir ehren heute eine Persönlichkeit, die sich für ein Miteinander und nicht für ein Gegeneinander eingesetzt hat. Nämlich für eine Erziehung mit Herz!

Wir alle wissen, dass vor mehr als 100 Jahren, sich weise Menschen um neue  Impulse für die Pädagogik bemüht haben. Ein erster Vorbote dieses Bemühungen war Heinrich Pestalozzi (1746-1827) aus der Schweiz, dessen pädagogisches Anliegen  es war, die ganzheitliche Volksbildung zur Stärkung der Menschen für das selbstständige und kooperative Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu entwickeln. Die Eltern sollten befähigt werden, mit dieser Bildung im Elternhaus zu beginnen und ihren Kindern entsprechende Vorbilder zu sein.

Dann war es Leo Tolstoi (1828-1910), der  für die Bauernkinder aufgrund eigener Ideen eine Schule einrichtete. 1919 folgte Dr. Rudolf Steiner (1861-1923) in Deutschland, der für die Arbeiterkinder einer Zigarettenfabrik die Waldorfpädagogik gründete. In ihrem Zentrum steht die Erziehung zur Freiheit und sie hat sich bis heute in der ganzen Welt, u.a. in Ungarn durchgesetzt.

Kurz darauf war es Gyula Drozdy (1881-1963) hier in Ungarn, der sich ebenfalls viele Gedanken um die Neugestaltung der Pädagogik gemacht hat. Sein grosses Vorbild war Pestalozzi und auf diesem Hintergrund entstand ein reger Briefwechsel mit meinem Pflegevater in der Schweiz.

Es war Gyula Drozdy`s Impuls, den Lehrplan kindgemäß methodisch-didaktisch zu gestalten. Er war ein echter Praktiker, nicht nur Theoretiker.

Ich weiß aus eigener Erfahrung,  mit wie viel Liebe er mich als Enkelin begleitet hat. Mein Großvater war damals mein größter Halt, als ich fern der Heimat in der Schweiz durch viele schmerzhafte Momente der Einsamkeit gegangen bin.

Ich lebte in einem Land in dem es äußerlich keinen Krieg gab, aber in meinem Herzen waren die Wunden des Krieges noch nicht verheilt.

Die Briefe meines Großvaters waren für mich sehr wichtig. Sie spendeten mir Trost, weil mir in ihnen Verständnis und Liebe geschenkt wurde. Durch diese Erlebnisse machte ich früh die Erfahrung, dass Heimat nicht nur eine äußere Bedeutung hat. Heimat ist nicht an Boden oder Besitz gebunden, sondern existiert genauso auf einer seelischen und geistigen Ebene.

Die Briefe von meinem Großvater an mich waren ein Stück Heimat für mich. Ich war 20 Jahre alt als mein Großvater  starb. Durch diese Nachricht war ich tief erschüttert, denn mit dem Verlust meines Grossvaters, verlor ich meinen, inneren Halt und meine Verbindung zu meinem Heimatland Ungarn. Von ihm fühlte ich mich ernst genommen und verstanden. Ich war ohne Eltern, ohne Familie und fühlte mich allein, von meinen Pflegeeltern nicht verstanden. Mein Schmerz war so groß, dass ich versuchte mir das Leben zu nehmen. Zum Glück wurde ich rechtzeitig gefunden.

An dieser Stelle möchte ich gerne eine Erinnerung an ihn erzählen, als ich hier vor 72 Jahren als Kind gespielt habe. Im Stall nebenan stand eine Kuh und ich wusste genau, dass der weiße Beutel an ihrem Bauch wunderbare Milch enthält.

Also ging ich hin und saugte daran.  Es war nicht einfach, ich drückte und sog. Als ich nach Hause zurückkam, sah ich etwas braun gefleckt  aus und stank  so, dass meine Großmutter große Mühe hatte mich wieder in einen geruchsneutralen  Zustand zu versetzen. Der Großvater verstand alles, er nahm stillschweigend und schmunzelnd zur Kenntnis, warum ich im Kuhstall war…. Er schrieb mir später diese Episode in einem Brief und meinte, dass dieser Gestank  kaum zum Aushalten  war.

Neben dem immer vorhandenen Humor war mein Großvater mit großen Sorgen beschäftigt. Eine davon war das Schicksal seines Sohnes, das heißt meines Vaters, welches eine andauernde Sorge für ihn war und besonders für meine geliebte Großmutter Aranka.

Kalman war Gymnasiallehrer für Ungarisch und Geschichte gewesen. Er wurde aber politisch verfolgt und auf die schrecklichste Art und Weise hier in Ungarn  gefoltert. Er schrieb:“ Ich war bereits Gefangener der russischen GPU in der Andrássy-Str. 60 (Heute ein Foltermuseum) und habe deren Methoden an mir selber erfahren. Sie haben mich so geschlagen, dass ich drei Tage gemeint habe, es werde kein Mensch mehr aus mir. Sie haben mir Zähne rausgeschlagen und gezogen!“

Um dem zu entkommen hat er sich unten an einen Zug angebunden und ist mit einem Kollegen 1948 nach Österreich geflohen.

Er wollte zuerst in Österreich abwarten wie sich die Situation weiter entwickelt. Er arbeitete in einer Kohlengrube, als Taglöhner und Gepäckträger und war fast ein halbes Jahr obdachlos. Er schrieb: „manchmal konnte ich kurz vor Mitternacht noch ein Bett finden und das war meine Rettung, dass ich nicht erfroren bin.“  Mein Vater litt ungeheuer unter der Trennung von seiner Familie, er sehnte sich so sehr nach seinen Kindern. Da er für sich keine Zukunft in Österreich sah, entschloss er sich nach Australien auszuwandern.

In einem Brief schrieb er an meine Pflegeeltern: „In meiner Einsamkeit und meinem Elend denke ich immer mehr an die kleine Hajna, oft überkommt mich die Sehnsucht nach weichen Kinderärmchen die sich um meinen Hals schmiegen. Ich möchte sie so sehr sehen, umarmen und küssen, meine kleine Hajnika. Seid daher mir bitte nicht böse, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, und eines Tages ungebeten bei Euch hereinschneie. Ich möchte mein Kind küssen. Ich werde Euch nicht lange stören. Nur einige Tage bis ich mich „ausgeliebt“ habe.“…

Später wünschte sich mein Vater, dass ich zu ihm nach Australien kommen solle, damit er wenigstens eines seiner Kinder bei sich hätte. Alle Reisedokumente waren bereit für die grosse Reise und ich freute mich natürlich sehr. Grossvater machte sich sehr grosse Sorgen und teilte meinen Pflegeeltern mit, dass dies nicht gut für mich wäre. Es war meine Rettung, denn kurz darauf starb Kalman 1956 nach einem Krebsleiden.

Sein Tod traf meinen Großvater sehr. Erst viele Monate später sagte er es seiner Frau, meiner Großmutter. Er hatte bewusst damit so lange gewartet, aus Angst, dass ihr Mutter- herz brechen könnte.

Ich selbst musste den Tod meines Vaters so verarbeiten, dass ich mich später als ich erwachsen war, entschloss nach Australien auszuwandern. Meine Suche nach dem Grab von Kalman führte mich zu einem großen Friedhof. Aufgrund einer Nummer fand ich sein Grab, das heißt ein Stück abgebrannte Wiese und eine Nummer. Auch hier in dieser besonderen Situation war es wieder ein Stück Heimat, der ich begegnet bin, fern von Ungarn, tausende von Kilometer entfernt und doch ganz eng mit Ungarn, dieser besonderen Kraft verbunden. Es war für mich, wie wenn eine grosse Last von mir abfallen würde, eine tiefe Wunde wurde damals geheilt.

Als Heimatlose war es für mich immer wieder eine zentrale Frage “wo bin ich zu Hause,  was ist Heimat?“  Ich bin rund um die Erde gereist und habe erkannt, dass Heimat im tieferen Sinn nur in mir selbst gefunden werden kann, in meinem Herzen.

Heimat ist unabhängig von einem Land oder einer Nation. Dank meinem eigenen Schicksal als kleines Kind in der Fremde zu sein, bin ich durch viele schmerzhafte Momente gegangen. Sie haben mich gelehrt, dass jeder Mensch verstanden und geliebt werden möchte. So kam ich zu der Ansicht, dass die ganze Menschheit im Grunde genommen eine Nation ist. Es gibt für mich eine absolute Wirklichkeit, viele sagen Gott, das sind nur Namen. Ich sage immer, es spielt keine Rolle ob du an Gott glaubst oder welcher Religion du angehörst. Letztendlich kommt es nur auf dein Verhalten an, mit wie viel Respekt und Liebe du deinen Mitmenschen begegnest. Wir sind eine Menschheit,  wir sind alle Brüder und Schwestern, ob wir das glauben wollen oder nicht. Wenn es uns gelingt, dass wir uns an der Verschiedenheit, der Vielfalt in ihrem Ausdruck der Menschen erfreuen lernen, ist das ein wahrer Beitrag zum Weltfrieden.

Einen Beitrag haben bereits mein Großvater und mein Pflegevater aus der Schweiz dazu geleistet. Beide waren Pädagogen und pflegten einen regen Briefwechsel auch über pädagogische Fragen.

Gyula schreibt an Hans Henzi: „Wir besprechen uns oft auch unter uns, sowie auch in freundschaftlicher Gesellschaft: Was ist es, was Euch auf so viel opfervolle Güte veranlasst? Vielleicht der in der Religion wurzelnde Humanismus? Oder das verfeinerte Seelenleben, dem es wohltut, den Elenden zu helfen? Oder was denn? Das Kind eines anderen zu erziehen, und ausserdem noch so wertvolle Geschenke zu schicken: dies ist mehr als viel. Besonders dann,  wenn er selbst kein Krösus, sondern ein Pädagoge von bescheidenen Lebensverhältnissen ist. Solche Menschen können nur in der Heimat Pestalozzis und Försters leben.“

Auch mein Pflegevater Hans Henzi war aktiv mit einer neuen, ganzheitlichen Pädagogik verbunden. Er setzte sich für mehr Menschlichkeit in den Schulen ein und half Rudolf Steiner Schulen, auch Waldorfschulen genannt, in der Schweiz aufzubauen, denn er hatte Rudolf Steiner persönlich kennengelernt.

Was ist heute in der Pädagogik wichtig? Wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Sollen sie der Wirtschaft dienen oder sollen sie lernen wie man viel Geld verdient? (Das Eine schliesst das Andere nicht aus, wenn es sozial gerecht ist). Soll die Schule sie dazu erziehen einen würdevollen sozialen Umgang zu pflegen, im gegenseitigen Respekt und Achtsamkeit und Mitgefühl? Jeder Mensch ist einmalig und wertvoll! Jeder Mensch sollte die Chance erhalten seine Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen zu können!

Auch wenn es düster in der Welt aussieht, glaube ich an das Gute im Menschen. Viele Menschen sind aufgewacht und haben die Einsicht gewonnen, dass jeder seine Verantwortung wahrnehmen muss, also Selbstverantwortlich handeln muss, mit Kopf, Herz und Hand, (Eine Grundaussage von Pestalozzi) wenn wir Frieden in der Welt wollen.

Wir tragen alle, ob Ungaren, Schweizer, Chinesen…egal von welcher Kultur, Nation oder Religion, den Heimatschein im Herzen. Unsere wahre Heimat ist eine geistige. Die Unterschiede machen wir hier auf Erden mit unseren Einstellungen, unseren Prägungen und unserem Denken.

Wenn wir erkennen, dass wir hier in einem Körper, als Persönlichkeit auf Zeit leben, stellt sich die Frage: Was soll das Ganze, was ist der Sinn des Lebens?  Das Leben hier, ist für mich eine Lebensschule. Was steht im Lehrplan? Hinter den Phänomenen (oder Erscheinungen) des Lebens  unseren Ursprung, die Absolute Wirklichkeit oder ein anderes Wort DAS LEBEN selbst  zu erkennen! Sich hier in dieser dualistischen Welt nicht täuschen zu lassen. Welche methodisch-didaktische Hilfen stehen uns zur Verfügung? Jede Begegnung mit unseren Mitmenschen ist eine Chance um sich zu entwickeln. Zuhören, den anderen verstehen wollen und ihm Mitgefühl entgegen bringen. Aber auch Auseinandersetzungen, Streit und Versöhnung gehören zur Entwicklung eines jeden dazu.

Verzeihen zu lernen  war für mich der wichtigste Schritt, um mein Schicksal aufzuarbeiten, mich von der Trauer, dem ewigen Kampf und der Last zu befreien.

Eines der grössten Geschenke in meinem Leben war, die Versöhnung mit meinem Pflegevater. Es war ein langer, schmerzhafter Weg. Damals  war Hans 88 und ich 40 Jahre alt. Wir wurden die besten Freunde!

Es gibt viele Flüchtlinge,  – das sind diejenigen die nicht den Mut haben ihr unmögliches Verhalten, ihr egoistisches Gebaren, ihre eigenen Fehler zu reflektieren. Sie flüchten vor sich selber und dies sind  – die Ärmsten der Armen. Sie wissen nicht was sie tun, denn wir leben hier um uns von allen Lasten zu befreien und uns am Guten und Schönen im Leben zu erfreuen und einander zu helfen. Gemeinsam eine Zukunft zu gestalten wo sich die Menschen in Liebe begegnen, so verstehe ich die christliche Botschaft.

Öffnen wir unsere Herzen, damit der Umgang mit all dem Fremden eine Herzensangelegenheit wird!

Wir sind hier um die Liebe zu leben! Unsere Grosseltern haben es uns vorgelebt. Der Dank gehört Ihnen.

Kisoroszi  und Herzogenbuchsee sind seit 1946 im Geiste verbunden. Heute machen wir es jetzt symbolisch auch auf der materiellen Ebene. Ich habe letzte Woche im Garten vor dem Lehrerzimmer im Sekundarschulhaus, wo Hans Henzi viele Jahre unterrichtete, ein bisschen Erde mitgenommen. Diese Schweizererde berührt, grüsst, küsst und heiratet jetzt die ungarische Erde. Wieder hat sich ein Kreis geschlossen. Mögen alle gesegnet sein!

Es wird jetzt hier, in seinem damaligen Garten ein Lindenbaum gepflanzt. Ich habe nach der Wirkung der Lindenblüte gegoogelt. Sie wirkt schweisstreibend, ist Auswurf fördernd und macht die Atemwege frei. So werden wir durch das Geschenk der Natur auf allen Ebenen geheilt.

Jetzt liegt mir noch etwas ganz Wichtiges auf dem Herzen. Eines der Highlights in meinem Leben nach 20 Jahren war die erste Begegnung mit meiner Schwester Emese, die diese Feier hier mitorganisiert hat. Da ihr Mann an einem internationalen Tierärztekongress in Venedig teilnahm, durften sie das erste Mal in den Westen (damals existierte der EISERENE VORHANG noch). Eine wunderbare Gelegenheit für mich! Ich bekam von der Schulbehörde frei und wir feierten ein unvergessliches Wiedersehn. Noch nie im Leben wurde ich so liebevoll umarmt und mit unzähligen Küssen bedeckt. Tief in meinem Herzen spürte ich die ungarische Seele, ein Heimatgefühl durchströmte mich, dank sei dir liebe Mese!

Im Alter habe ich nun doch noch eine Familie bekommen. Ich habe grosse Freude an meiner Nichte und meinem Neffen die jetzt in der Schweiz leben. Emese Hunyady war Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Eisschnelllauf  und Zoltan ist ein kompetenter und beliebter Zahnarzt. unser zahni

Mögen alle gesegnet sein!

Als ich 11 Jahre alt war, schrieb Grossvater an mich:  Wir träumen davon, dass wir einmal alle in diesem grossen Garten beisammen sind. Dein lieber Vater, die Mutter, Mese, Csilla, Mutter Irma, Vater Hans, Tante Marianne, Onkel Rudi, Noemi, der kleine und grosse Gyözö und alle anderen Verwandten die sich lieben. Dann lachen und spielen wir und vergessen all das Schlechte. Nur Freude soll untereinander sein. Gut wird es sein, nicht wahr liebe Hajna?

Grüss Gott, liebes Kind, gute Nacht. Mit viel Liebe küsst Dich Dein Grossvater und Deine Grossmutter