{"id":10481,"date":"2017-05-10T06:02:01","date_gmt":"2017-05-10T04:02:01","guid":{"rendered":"https:\/\/tyvijiqi.cyon.site\/?page_id=10481"},"modified":"2017-05-10T06:25:46","modified_gmt":"2017-05-10T04:25:46","slug":"die-drei-fragen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/tolstoikalender\/die-drei-fragen\/","title":{"rendered":"Die drei Fragen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><strong>Die drei Fragen von Leo Tolstoi<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Es war einmal ein K\u00f6nig, der dachte bei sich, da\u00df, wenn er immer die Zeit w\u00fc\u00dfte, wann er jedes Gesch\u00e4ft vornehmen solle, wenn er ferner w\u00fc\u00dfte, mit welchen Menschen er sich abgeben oder nicht abgeben solle, und wenn er vor allem stets w\u00fc\u00dfte, welches von allen Gesch\u00e4ften das wichtigste sei \u2013 \u2013 da\u00df ihm alsdann nichts fehlschlagen k\u00f6nne. Und nachdem er also bei sich gedacht h\u00e4tte, lie\u00df er in seinem Reiche bekannt machen, da\u00df er denjenigen reich belohnen wolle, der ihn lehren w\u00fcrde, wie man f\u00fcr jedes Gesch\u00e4ft den richtigen Zeitpunkt finden k\u00f6nne, wie man ferner wissen k\u00f6nne, welche Leute einem am n\u00f6tigsten seien, und wie man endlich darin nicht irren k\u00f6nne, welches von allen Gesch\u00e4ften das wichtigste sei. Und es kamen gelehrte Leute zum K\u00f6nig und gaben auf seine Fragen bald diese, bald jene Antwort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die erste Frage beantworteten die eine dahin, da\u00df man, um f\u00fcr jedes Gesch\u00e4ft den richtigen Zeitpunkt zu finden, zuvor eine Einteilung der Tage, Monate und Jahre vornehmen und sich streng an diese Einteilung halten m\u00fcsse. Nur dann, meinten sie, w\u00fcrde jedes Gesch\u00e4ft zur rechten Zeit seine Erledigung finden. Eine zweite Gruppe sagte, da\u00df man nicht im voraus dar\u00fcber entscheiden k\u00f6nne, welches Gesch\u00e4ft man zu dieser oder jener Zeit vornehmen werde, und da\u00df man sich nicht mit leerem Zeitvertreib aufhalten, sondern stets auf den Gang der Dinge achten und im gegebenen Augenblick das, was erforderlich sei, tun solle. Eine dritte Gruppe sagte, da\u00df, wie aufmerksam auch der K\u00f6nig auf den Gang der Dinge achten m\u00f6ge, ein einzelner Mensch doch unm\u00f6glich in jedem Falle richtig entscheiden k\u00f6nne, was zu dieser oder jener Zeit geschehen solle, sondern da\u00df er hierzu einen Rat von weisen M\u00e4nnern haben und nach deren Erw\u00e4gung entscheiden m\u00fcsse, was zu jeder Zeit getan werden solle. Eine vierte Gruppe endlich sagte, da\u00df es Gesch\u00e4fte gebe, bei denen keine Zeit sei, die Ratgeber zu fragen, bei denen vielmehr sofort entschieden werden m\u00fcsse, ob der richtige Augenblick da sei, sie zu beginnen oder nicht. Um dies aber zu entscheiden, m\u00fcsse man im voraus wissen, was geschehen werde. Das k\u00f6nnten nur die Zauberer wissen, und darum m\u00fcsse man, um den richtigen Zeitpunkt f\u00fcr jedes Gesch\u00e4ft zu finden, die Zauberer dar\u00fcber befragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ebenso verschieden waren die Antworten auf die zweite Frage. Die einen sagten, da\u00df dem K\u00f6nige diejenigen am n\u00f6tigsten seien, die ihn bei den Regierungsgesch\u00e4ften unterst\u00fctzten; die andern sagten, da\u00df die Priester ihm am n\u00f6tigsten seien; die dritte Gruppe sagte, die \u00c4rzte seien ihm am n\u00f6tigsten, und die vierte sagte, da\u00df die Krieger ihm n\u00f6tiger als alle andern Menschen seien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Auf die dritte Frage, welches wohl das wichtigste Ding sei, antworteten die einen, das Wichtigste in der Welt seien die Wissenschaften; die andern sagten, die wichtigste Sache sei die Kriegskunst; noch andere sagten, wichtiger als alles andere sei die Gottesverehrung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Alle Antworten waren voneinander verschieden, darum stimmte der K\u00f6nig keiner von ihnen bei und gab niemandem die versprochene Belohnung. Um aber doch irgendeine befriedigende Antwort auf seine Fragen zu erhalten, beschlo\u00df er, sie einem Einsiedler vorzulegen, der wegen seiner Weisheit weit und breit ber\u00fchmt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der Einsiedler lebte in einem Walde, den er nie verlie\u00df, und pflegte nur schlichte Leute bei sich zu sehen. Darum legte der K\u00f6nig einfache Kleider an, und als er in die N\u00e4he der Einsiedlerklause kam, lie\u00df er seine Leibwache in einiger Entfernung halten, stieg vom Pferde und schritt allein auf die Klause zu.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Als der K\u00f6nig hier anlangte, grub der Einsiedler gerade die Beete vor seinem H\u00e4uschen um. Sobald er den K\u00f6nig erblickte, begr\u00fc\u00dfte er ihn und machte sich gleich wieder an seine Arbeit. Der Einsiedler war schm\u00e4chtig und schwach, und so oft er den Spaten in die Erde stie\u00df, und die Erdklumpen aufwarf, \u00e4chzte er schwer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der K\u00f6nig trat auf ihn zu und sprach: \u00bbIch bin zu dir gekommen, weiser Einsiedler, um von dir die Beantwortung dreier Fragen zu erbitten: welche Zeit f\u00fcr jedes Gesch\u00e4ft zu w\u00e4hlen sei, da\u00df es einen hinterher nicht gereue; welche Menschen einem die n\u00f6tigsten seien, und mit welchen man sich f\u00fcglich mehr, mit welchen weniger abgeben solle; welche Gesch\u00e4fte endlich die wichtigsten seien, und mit welchen man sich darum vor allen andern befassen solle.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der Einsiedler h\u00f6rte den K\u00f6nig an, antwortete jedoch nicht, sondern spuckte in seine Hand und fuhr fort, den Boden umzugraben. \u00bbDu bist m\u00fcde geworden,\u00ab meinte der K\u00f6nig \u2013 \u00bbgib mir deinen Spaten, ich will f\u00fcr dich weitergraben. \u00bbIch danke dir,\u00ab sprach der Einsiedler, gab dem K\u00f6nige den Spaten und setzte sich auf die Erde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Als der K\u00f6nig zwei Beete umgegraben hatte, hielt er ein und wiederholte seine Fragen. Der Einsiedler antwortete nicht, sondern stand auf und streckte die Hand nach dem Spaten aus. \u00bbJetzt ruhe du aus, la\u00df mich weitergraben,\u00ab sprach er.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Aber der K\u00f6nig gab ihm den Spaten nicht, sondern fuhr fort zu graben. Eine Stunde verging und noch eine zweite; die Sonne verschwand bereits hinter den B\u00e4umen, und der K\u00f6nig stie\u00df den Spaten in den Boden und sprach:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbIch bin zu dir gekommen, weiser Mann, um Antwort auf meine Fragen zu heischen. Wenn du nicht antworten kannst, dann sag&#8216; es, und ich gehe wieder heim.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbSieh, da kommt jemand gelaufen,\u00ab sprach der Einsiedler \u2013 \u00bbla\u00df uns sehen, wer es ist.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der K\u00f6nig wandte sich um und sah, da\u00df vom Walde her ein b\u00e4rtiger Mann hastig auf die Klause zulief. Er hielt sich mit den H\u00e4nden den Leib, und unter seinen H\u00e4nden rann das Blut hervor. Als der b\u00e4rtige Mann den K\u00f6nig erreicht hatte, brach er zusammen; seine Augen schlossen sich, und er lag unbeweglich und st\u00f6hnte nur leise. Mit Hilfe des Einsiedlers \u00f6ffnete der K\u00f6nig die Kleider des Menschen. In seinem Unterleib war eine tiefe Wunde. Der K\u00f6nig wusch sie, so gut er konnte, und verband sie mit seinem Taschentuche und dem Handtuch des Einsiedlers. Aber das Blut h\u00f6rte nicht auf zu rinnen, und der K\u00f6nig mu\u00dfte mehrmals den von dem warmen Blute durchfeuchteten Verband abnehmen und die Wunde von neuem waschen und verbinden. Als das Blut gestillt war, erwachte der Verwundete und verlangte zu trinken. Der K\u00f6nig holte frisches Wasser und gab ihm zu trinken. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und es war k\u00fchl geworden. Der K\u00f6nig trug den Verwundeten mit Hilfe des Einsiedlers in die Klause und legte ihn auf das Bett. Als der Verwundete auf dem Bette lag, schlo\u00df er die Augen und ward still. Der K\u00f6nig aber war von der Arbeit und dem Hinundherlaufen so m\u00fcde geworden, da\u00df er sich an der Schwelle der Klause ausstreckte und gleichfalls einschlief. Er schlief so fest, da\u00df er die ganze Nacht hindurch nicht ein einziges Mal erwachte und des Morgens, als er die Augen \u00f6ffnete, lange nicht begreifen konnte, wo er sich befand, und wer dieser seltsame b\u00e4rtige Mensch war, der da auf dem Bette lag und ihn mit seinen gl\u00e4nzenden Augen so durchdringend anschaute.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbVerzeih mir!\u00ab sprach der B\u00e4rtige mit schwacher Stimme, als er bemerkte, da\u00df der K\u00f6nig erwacht war und ihn ansah. \u00bbIch kenne dich nicht und habe dir nichts zu verzeihen,\u00ab sprach der K\u00f6nig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbDu kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Ich bin dein Feind und habe geschworen, mich an dir zu r\u00e4chen, weil du meinen Bruder hingerichtet und mich meines Verm\u00f6gens beraubt hast. Ich wu\u00dfte, da\u00df du allein zu dem Einsiedler gehen wolltest, und ich hatte beschlossen, dich auf dem R\u00fcckwege zu t\u00f6ten. Aber der Tag ging zur Neige, und du kamst nicht. Da verlie\u00df ich den Hinterhalt, um zu erkunden, wo du w\u00e4rst, und ich fiel deinen Leibw\u00e4chtern in die H\u00e4nde. Sie erkannten und verwundeten mich. Ich entkam ihnen, aber der Blutverlust h\u00e4tte mich get\u00f6tet, wenn du meine Wunden nicht verbunden h\u00e4ttest. Ich wollte dich t\u00f6ten \u2013 und du hast mir das Leben gerettet. Wenn ich jetzt am Leben bleibe und du mich nicht von dir sto\u00dfest, will ich dir dienen als dein treuester Sklave und dasselbe auch meinen S\u00f6hnen gebieten. Verzeih mir!\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der K\u00f6nig war hocherfreut dar\u00fcber, da\u00df er sich auf so leichte Art mit seinem Todfeinde vers\u00f6hnen konnte, und verzieh diesem nicht nur, sondern versprach auch, ihm sein Verm\u00f6gen zur\u00fcckzugeben. Auch seine Diener und seinen Leibarzt wollte er ihm schicken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der K\u00f6nig nahm von dem Verwundeten Abschied und trat aus der Klause ins Freie. Seine Augen suchten den Einsiedler. Bevor er von ihm schied, wollte er ihn noch ein letztes Mal bitten, seine Fragen zu beantworten. Der Einsiedler war in seinem Garten \u2013 er kroch eben auf den Knien an den gestern gegrabenen Beeten entlang und legte Samenk\u00f6rner in die Erde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der K\u00f6nig trat auf ihn zu und sprach: \u00bbZum letzten Male, weiser Mann, bitte ich dich, mir auf meine Fragen Antwort zu geben.\u00ab<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbAber du hast doch die Antwort schon erhalten,\u00ab sprach der Einsiedler, w\u00e4hrend er auf seinen mageren Schenkeln hockte und dem vor ihm stehenden K\u00f6nige von unten her einen Blick zuwarf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">\u00bbWas sagst du? Ich h\u00e4tte die Antwort schon erhalten?\u00ab sprach der K\u00f6nig. \u00bbGanz gewi\u00df,\u00ab sprach der Einsiedler. \u00bbH\u00e4ttest du gestern nicht Mitleid mit mir gehabt und statt meiner die Beete umgegraben, sondern dich allein zu deiner Leibwache zur\u00fcckbegeben, dann h\u00e4tte dieser Mensch dich \u00fcberfallen, und du h\u00e4ttest bereut, nicht bei mir geblieben zu sein. Also war&#8217;s doch die richtige Zeit zum Beetegraben, und ich war der Mensch, der dir im Augenblick am n\u00f6tigsten war, und das wichtigste Gesch\u00e4ft war, mir Gutes zu tun. Und dann, als jener da zu uns gelaufen kam, war es gerade die richtige Zeit, ihn zu verbinden und zu warten, da er ja sonst, wenn du seine Wunde nicht verbunden h\u00e4ttest, gestorben w\u00e4re, ohne sich mit dir ausges\u00f6hnt zu haben. Also war er auch f\u00fcr dich der wichtigste Mensch, und das, was du f\u00fcr ihn getan hast, war f\u00fcr dich das wichtigste Gesch\u00e4ft. Merke dir also, da\u00df der richtige Zeitpunkt stets nur der eine ist: der Augenblick; und zwar ist er darum der richtigste und wichtigste, weil wir nur in diesem einen Zeitpunkt Herren unser selbst sind; der wichtigste Mensch ist f\u00fcr dich der, mit dem du im Augenblick zu tun hast, da niemand wissen kann, ob er es \u00fcberhaupt noch mit einem zweiten Menschen zu tun haben wird; und das wichtigste Gesch\u00e4ft ist \u2013 dem, mit dem man im Augenblick zu tun hat, Gutes zu tun, denn einzig darum ward der Mensch ins Leben gesandt.\u00ab<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die drei Fragen von Leo Tolstoi Es war einmal ein K\u00f6nig, der dachte bei sich, da\u00df, wenn er immer die Zeit w\u00fc\u00dfte, wann er jedes Gesch\u00e4ft vornehmen solle, wenn er ferner w\u00fc\u00dfte, mit welchen Menschen er sich abgeben oder &hellip; <a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/tolstoikalender\/die-drei-fragen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":39,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"onecolumn-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10481"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10481"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10486,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/10481\/revisions\/10486"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/39"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}