{"id":11348,"date":"2017-06-25T06:14:47","date_gmt":"2017-06-25T04:14:47","guid":{"rendered":"https:\/\/tyvijiqi.cyon.site\/?page_id=11348"},"modified":"2022-05-06T06:26:45","modified_gmt":"2022-05-06T04:26:45","slug":"rudolf-steiner-hans-henzi-4","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/rudolf-steiner-hans-henzi-4\/","title":{"rendered":"Rudolf Steiner &#8211; Hans Henzi"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_1524_resized_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-15424 alignleft\" src=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_1524_resized_1-300x231.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"159\" srcset=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_1524_resized_1-300x231.jpg 300w, https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_1524_resized_1.jpg 701w\" sizes=\"(max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Hans Henzi: \u201eIch f\u00fchle mich vom Leben reich beschenkt, hatte ich doch die Gnade zwei grossen Eingeweihten in meinem Leben zu begegnen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Mit 28 Jahren war es Dr. Rudolf Steiner und mit 94 Jahren traf ich Dr. Stylianos Atteshlis\u00a0 (Daskalos). Herzogenbuchsee 1990<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><span style=\"color: #008000;\"><a style=\"color: #008000;\" href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/rudolf-steiner-hans-henzi-4\/hans-henzi-zum-gedenken\/\">Hans Henzi zum Gedenken<\/a>\u00a0<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift \u201eGegenwart\u201c 23. Jahrgang Nr.2 im Mai 1961<\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #000080;\"><strong>Meine Begegnung mit Rudolf Steiner<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: right;\"><strong><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/20170630_170226_resized.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11634 alignleft\" src=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/20170630_170226_resized-251x300.jpg\" alt=\"20170630_170226_resized\" width=\"134\" height=\"160\" srcset=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/20170630_170226_resized-251x300.jpg 251w, https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/20170630_170226_resized.jpg 373w\" sizes=\"(max-width: 134px) 100vw, 134px\" \/><\/a><\/span><\/strong><\/h2>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Hans Henzi* 1895 &#8211; 1991 ehemaliger Sekundarlehrer in Herzogenbuchsee (*war mein Pflegevater ad)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wiedergabe eines Beitrages zur Feier seines 100. Geburtstages in der Freien P\u00e4dagogischen Vereinigung in Bern am 25. Februar 1961<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/rudolf-steiner.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11570 alignright\" src=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/rudolf-steiner-212x300.jpg\" alt=\"rudolf-steiner\" width=\"115\" height=\"163\" srcset=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/rudolf-steiner-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/rudolf-steiner.jpg 296w\" sizes=\"(max-width: 115px) 100vw, 115px\" \/><\/a><span style=\"color: #000080;\">Wie zu einem Hochgipfel aufsteigend, versuchen in diesem Jahr zahlreiche Wanderer Ausblicke und Einblicke zu schildern in die unermessliche Weite und Tiefe, die sich einem er\u00f6ffnen k\u00f6nnen beim Beschreiten der Pfade, die uns Rudolf Steiner gewiesen hat. Mein Beitrag zur Gedenkfeier soll jedoch nach dem Wunsche der Veranstalter darin bestehen, aus meiner Erinnerung r\u00fcckblickend einige Streiflichtbilder zu projizieren von meinen Begegnungen mit dem Gefeierten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Dieselben erfolgten bei f\u00fcnf Gelegenheiten:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Erstmals am p\u00e4dagogischen Kurs f\u00fcr Lehrer, erteilt am Goetheanum in Dornach, Mitte April 1923. Dann ein Jahr sp\u00e4ter an der Erziehungstagung der Freien Waldorfschule in Stuttgart und unmittelbar anschliessend am Kursus \u00fcber anthroposophische P\u00e4dagogik und ihre Voraussetzungen im Grossratssaal in Bern. Weiter beim letzten Vortrag vor den Mitgliedern der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft an Michaeli 1924, nachdem Rudolf Steiner eine Woche vorher meine Mitgliederkarte unterzeichnet hatte, und schliesslich an seinem Totenbett im Atelier am 31. M\u00e4rz 1925. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Durch Zeitungsberichte \u00fcber den Brand des Goetheanums, in der Silvesternacht 1922\/23 war in meinem 28. Lebensjahr Dornach in besonderer Weise in mein Blickfeld ger\u00fcckt worden, eine historisch und landschaftlich interessante Gegend, die ich noch nicht betreten hatte. Die Meinung, Angenehmes mit Lehrreichem verbinden zu k\u00f6nnen, bewog einen Kollegen und mich, uns vorsichtig f\u00fcr den halben dortigen Lehrerkurs w\u00e4hrend der Fr\u00fchlingsferien anzumelden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">In der Kursfreien Zeit gedachten wir zu wandern. Mit dem Programm war uns von den <\/span><span style=\"color: #000080;\">Berner Kollegen ein ver\u00f6ffentlichter Bericht Albert Steffens \u00fcber den vorj\u00e4hrigen Lehrerkurs zugestellt worden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Mit wachsendem Erstaunen hatte ich ihn gelesen und war u.a. recht besinnlich verweilt bei dem Satze &lt;Wer in der Jugend betet, der kann im Alter segnen&gt;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wenig ber\u00fchrt von<\/span><a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/goetheanum-original.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-11565 alignleft\" src=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/goetheanum-original-300x221.jpg\" alt=\"goetheanum-original\" width=\"286\" height=\"211\" srcset=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/goetheanum-original-300x221.jpg 300w, https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/goetheanum-original.jpg 620w\" sizes=\"(max-width: 286px) 100vw, 286px\" \/><\/a><span style=\"color: #000080;\"> der tragischen Zerst\u00f6rung eines uns fremden und vorher nicht gesehenen Kunstwerkes, ermassen wir Neulinge in keiner Weise d<\/span><span style=\"color: #000080;\">en tiefen Schmerz und das mutvolle Verhalten Rudolf Steiners und seiner Mitarbeiter, als wir uns neben der Brandst\u00e4tte im Vortragssaal der Schreinerei einfanden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Doktor Steiner gab keine gef\u00fchlsbetonte Einleitung, sondern sprach unverz\u00fcglich zum Tagungsthema, in dem er an eine vorgelesene Stelle aus Tagore, dem damals vielgenannten indischen Lehrer, ankn\u00fcpfte. Im weiteren Verlauf des Kurses stiess sich mein Kollege bald mehr als ich an \u00c4usserlichkeiten. Die mir angenehme, <em>auftauende<\/em> W\u00e4rme des Saales empfand ich als <em>magisch<\/em>. Haltung und Benehmen des Vortragenden, der seinen Kopf wie schwebend trug, fragenden Damen sein Ohr neigte, ohne sie anzusehen, und seine eigene Frau unab\u00e4nderlich<em> Frau Doktor Steiner<\/em> nannte, schienen ihm \u00fcbertrieben vornehm und der Beginn der Rede mit geschlossenen Augen ein spukiges Gebaren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Anderseits fand er den alten Herrn unbegreiflich freundlich und <em>entgegenkommend<\/em> gegen\u00fcber einem schw\u00e4tzigen jugendlichen Diskussionsredner, der sich immer wieder zum Wort meldete. Aussehen und Gehaben einiger Ausl\u00e4ndischer <em>J\u00fcnger<\/em> und der werbende Eifer verschiedener inl\u00e4ndischen Kollegen ber\u00fchrten ihn so ungem\u00fctlich, dass er mitten im Kurs abreiste.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Es gab eben um Rudolf Steiner herum viele Steine des Anstosses f\u00fcr einen normalisierten Schweizer B\u00fcrger. Dem bezopften <em>Vreneli<\/em> treue Hirtenknaben verp\u00f6nten zum Beispiel damals noch am Goetheanum stark vertretene Bubikopf-Frisur. Einem Arbeiter, der diese seltsame Mode unter den Anthroposophinnen kritisch anmerkte, soll Rudolf Steiner geantwortet haben: &#8222;Ja, wissen Sie, die kriegen eben dann Haar an den Z\u00e4hnen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">In einem Abendvortrag zur Einf\u00fchrung in die Anthroposophie sagte er, er m\u00f6chte, was er vertrete, jeden Tag anders benennen, damit die Leute nicht an einer Etikette kleben bleiben. Ferner gab er eine interessante Konzentration \u00dcbung, um uns im beweglichen polarischen Denken zu \u00fcben: Er malte auf der Tafel einen roten Farbkreis, umgeben von einem gr\u00fcnen Ring, und daneben die komplement\u00e4re Figur als gr\u00fcner Kreis mit rotem Ring, und empfahl uns sodann, uns die eine Figur intensiv vorzustellen und ihr Gedankenbild hin und her in die Nachbarfigur zu verwandeln durch Zusammenziehen des Ringes und Ausdehnung der Kreisfl\u00e4che.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Dank dem schlechten Wetter hatte ich mich an die Literatur herangemacht und mich besonders hineingelesen in die von Dr. Rittelmeyer herausgegebene Sammlung von Denkschriften zum 60. Geburtstag Rudolf Steiners, betitelt &#8222;Vom Lebenswerk Rudolf Steiners, eine Hoffnung neuer Kultur&#8220;. Die dargelegten Probleme und Ausblicke ergriffen mich bald zutiefst, brachten mich zugleich in arge Seelennot durch Zweifel an dem gewiesenen Weg. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Um ins klare zu kommen, fasste ich mir nach der Abreise meines Gef\u00e4hrten in einer morgendlichen Aussprachestunde ein Herz, als der Diskussionsleiter w\u00fcnschte, es m\u00f6chte sich doch jemand \u00e4ussern, der zum ersten Mal hier sei. Ich meldete mich als einer, der sich noch als Zaungast betrachte und dem es scheine, dass unter uns Neulingen einerseits Menschen seien, die bisher in einem Schacht versch\u00fcttet und von Kameraden befreit und pl\u00f6tzlich wie geblendet ins Licht treten. Man m\u00f6ge solchen Zeit lassen, sich zurechtzufinden, bevor man von ihnen Mitarbeit erwarte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Andere seien der Meinung, bereits den rechten Weg zu kennen und dank der Landkarte, die sie wohl immer besser lesen lernen m\u00f6chten, von der aber hier bisher nicht gesprochen worden sei, ich meine damit die Bibel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Was Dr. Steiner am Vorabend erkl\u00e4rend \u00fcber die geschnitzte Figur im Atelier gesagt, sei mir zum Sinnbild f\u00fcr das hier Erlebte geworden; ich sehe n\u00e4mlich oben wohl ein ideales Gesicht, aber unten, wo das Werk auf der Erde stehen sollte, sei es nicht fertig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ohne allzu sehr sofortigen Mitgliederzuwachs anzustreben, m\u00f6ge man es in Dornach doch als sch\u00f6nes Ergebnis des Kurses werten, wenn zwischen der feindlichen Umwelt und dem Goetheanum nun ein Ring von Menschen entstehe, die bereit seien, sachlich zu pr\u00fcfen. Mein F\u00fchrer m\u00fcsse allerdings dabei derjenige sein, der allen sagen k\u00f6nne: &#8222;Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben&#8220;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Bevor sich eine entr\u00fcstete Stimme melden konnte, wie es dann nachher geschah, sprang der ausnahmsweise anwesende Dr. Steiner lebhaft auf und rief: \u201eAuf die freundlichen Worte dieses Herrn will ich selbst antworten.\u201c\u00a0 Sich n\u00e4hernd fuhr er fort: \u201eWas Sie von der Blendung sagten, stimmt leider und kommt daher, dass wir in acht Tagen zusammendr\u00e4ngen mussten, was zur Verarbeitung mindestens ein Jahr braucht; auf eine gr\u00f6ssere Fl\u00e4che verteilt, wird dieses Licht aber nicht mehr blenden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wenn bisher nicht ausdr\u00fccklich von Religi\u00f6sem die Rede war, so m\u00f6gen Sie bedenken, dass es aus <em>dem<\/em> Grunde geschehen sein kann, weil das Gebot ernst genommen wird: Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel brauchen. Auch jenes Wort ist zu bedenken: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeit. (Das ist n\u00e4mlich die genaue \u00dcbersetzung.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Im \u00dcbrigen werde ich im anschliessenden Vortrag \u00fcber den Religionsunterricht sprechen und erachte es nun f\u00fcr richtig, wenn dasjenige, was wie ein Opferstock aussieht, sich nun entfernt und Sie unter sich \u00fcber die Angelegenheit des Schulvereins weiter verhandeln. Ich denke dabei allerdings weniger Ihr finanzielles Opfer als an das moralische Opfer Ihrer Zunge.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Damit verliess er den Raum und hielt eine halbe Stunde sp\u00e4ter einen Vortrag, worin er den Apostel Paulus als Muster eines Religionslehrers mit solcher Tiefe und W\u00e4rme darstellte, dass die Zuh\u00f6rer nachher in wortloser Ergriffenheit den Saal verliessen. Er hatte erl\u00e4utert, warum Paulus nach dem Damaskus-Erlebnis sich \u00e4ussern durfte, dass Christus in ihm rede.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ein Jahr darauf herrschte im gr\u00f6ssten Vortragssaal Stuttgarts begeisterte Hosianna-Stimmung unter den zweitausend Zuh\u00f6rern Rudolf Steiners. Durch anhaltenden Beifall wurde der Redner nach dem Vortrag immer wieder auf die B\u00fchne gerufen, wo er mit beiden Handr\u00fccken winkend gr\u00fcsste.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Folgende Episode blieb mir besonders im Ged\u00e4chtnis: Die Jugendsektion der Anthroposophischen Gesellschaft hatte andere Jugendgruppen zu einer Aussprache \u00fcber Kulturziele eingeladen. Der Waldorflehrer Max Lehrs leitete sie. Die Jungen sprachen vom Wandern, Singen, M\u00e4rchenerz\u00e4hlen, Gartenbau und Siedeln. Was sie vorbrachten, t\u00f6nte eigentlich eher m\u00fcde und resigniert und befriedigte wenig. Da wurde Rudolf Steiner gebeten, sich auch zu \u00e4ussern. Er hatte bei den Zuh\u00f6rern im Saal Platz genommen. Nun kletterte der Dreiundsechzigj\u00e4hrige \u00fcber einen Stuhl auf die B\u00fchne und meinte humorvoll, er sei ja auch einmal jung gewesen und habe mit seinen Kameraden die Welt nicht in Ordnung und verbesserungsbed\u00fcrftig gefunden. Um die Philister zu \u00e4rgern, h\u00e4tten sie ihren Stammtisch den Verbrechertisch genannt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Da sei einer ein ideal gesinnter J\u00fcngling gewesen, der sp\u00e4ter mit der Welt so wenig zurechtgekommen sei, dass er sich leider das Leben genommen. Einen anderen habe er nach Jahren als wohlbestallten B\u00fcrgermeister bei der Einweihung eines Denkmals sprechen h\u00f6ren und sich verwundert, wie er dies nun genau in den seinerzeit verlachten Phrasen und Formen der alten Generation getan.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Er, Rudolf Steiner, habe versucht, etwas Neues als Kunstwerk in die Welt zu stellen. Das habe aber den Leuten so wenig gepasst, dass man es angez\u00fcndet habe. \u2013<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte nun Alt und Jung seinen weiteren Ausf\u00fchrungen, und am Schluss stellten sich junge Leute mit Papierk\u00f6rben an die Ausg\u00e4nge, um die reichlich flatternden Geldscheine f\u00fcr eine Erweiterung der Waldorfschule in Empfang zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">In Bern empfand man die geistige Atmosph\u00e4re als wesentlich schwerer. Die eigene Schwerbl\u00fctigkeit und Verholztheit konnte einem bedr\u00fcckend zum Bewusstsein kommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ein besonderes Erlebnis brachte mir wieder die Fragestunde. Ein Jahr zuvor hatte Albert Steffen bei gleicher Gelegenheit, durch unser verhalten veranlasst, den Satz gepr\u00e4gt:\u201c Der Schweizer schweigt\u201c, und Rudolf Steiner hatte am n\u00e4chsten Morgen vom moralischen Opfer der Zunge gesprochen. In der Meinung, eine Aussprache rascher in Gang zu bringen, hatte ich nun auf einzelne Zettel verschiedene Fragen notiert und brachte sie zu den bereits auf dem Vortragspult liegenden. Rudolf Steiner fragte mich, ob ich sie nicht gleich selber vorbringen wolle. Ich zog mich aber sch\u00fcchtern ablehnend zur\u00fcck und wurde mir meiner ungeschickten Unh\u00f6flichkeit und Feigheit mit Schrecken bewusst, als er nun seinen Zwicker aufsetzte und die Fragen nicht in seiner \u00fcblichen Vortragsstimme, sondern mit einer Lautst\u00e4rke vorlas, wie ich sie in der Schulstube auch aufbringe. \u2013 <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Eine dieser Fragen lautete, ob auch eine bestimmte \u00e4sthetische Form des Schulmobiliars erzieherisch wichtig sei, Rudolf Steiner meinte, da m\u00fcsse man zun\u00e4chst ber\u00fccksichtigen, dass man sich ja nicht mit dem Auge auf die Schulbank setze und man sich f\u00fcr die Gestaltung vom Hygienischen und Funktionellen leiten lassen m\u00fcsse.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Eine andere Frage betraf die Schriftrichtung und lautete, warum die Chinesen von oben nach unten, die Semiten von rechts nach links und wir von links nach rechts schreiben, und ob es p\u00e4dagogisch einen Wert habe, wenn die Kinder Spiegelschrift schreiben. Letzteres hatten wir n\u00e4mlich als Zw\u00f6lf- bis F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige als Sport betrieben, und zudem hatte ich eine seltsame Aussage Rudolf Steiners \u00fcber die Spiegelschrift in der Nachschrift eines Vortrages f\u00fcr Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gelesen, die ich vertraulich erhalten hatte,-<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Rudolf Steiner antwortete, dass der erste Teil der Frage zwar sehr interessant sei, dass aber die verf\u00fcgbare Zeit keine eingehende Erkl\u00e4rung erlaube, er wolle nur sagen, dass die Chinesen eben stark in den Kr\u00e4ften gelebt h\u00e4tten, die den Menschen von oben nach unten f\u00fchren. Aus welcher Lebensecke heraus jedoch das Schreiben der Spiegelschrift von Wert sei, sei ihm nicht erfindlich. Dabei schaute er mich forschend an, und ich dachte: Aha, jetzt r\u00fcckst du nicht offen mit der Sprache heraus. Im gleichen Moment fuhr er weiter: \u201eNun, ich will ganz frei herausreden; es ist ja schon so, dass, wenn man sich \u00fcber einen geschriebenen Text mit der geistigen Welt verst\u00e4ndigen will, derselbe dann wie durchscheinend von der andern Seite, also in Spiegelschrift erscheint\u201c, und verdeutlichend, schritt er, mein Notitzblatt hochhaltend und wendend, gegen das Fenster. Damit gab er f\u00fcr das Publikum eine verwunderliche, f\u00fcr mich aber entscheidende Antwort.-<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Folge war, dass ich je in einer Sektion des bernischen und des Evangelischen Schulvereins in gew\u00fcnschten Referaten meine bejahende Einstellung zur Anthroposophie bekannte und mich als Mitglied der Gesellschaft anmeldete.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Der Berner Kurs wirkte auch dadurch in besonderer Weise in meinem Leben weiter, dass mein Vater (Pfarrer in Hasle bei Burgdorf), trotz den geh\u00e4uften Pflichten der Osterwoche, einen einzelnen und sein Kollege aus dem oberen Emmental, Pfarrer Fritz Eymann, der sp\u00e4tere Teologieprofessor, zwei Vortr\u00e4ge Rudolf Steiners mitanh\u00f6rten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Das letzte Erinnerungsbild l\u00e4sst sich kaum mit Worten wiedergeben. Das umflorte Auge sieht die vier Bretterw\u00e4nde des Ateliers mit Oberlicht und auf dem einfachen Bett die ergreifend abgezehrte Gestalt mit dem friedvoll vergeistigten Gesicht, zu F\u00fcssen einen Leuchter mit sieben brennenden Kerzen und die von Rudolf Steiner geschnitzte hochragende Christus-Gestalt; noch fehlen die Kr\u00e4nze, und die Armut dieser Behausung, wo Rudolf Steiner ein halbes Jahr krank gelegen, bringt mir ersch\u00fctternd das irdische Opferdasein des Verblichenen und unsre waisenhafte Verlassenheit zum Bewusstsein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Und doch konnten wir nicht trauern wie solche, die keine Hoffnung haben. Wir erfuhren den weiterwirkenden Segen dieses Lebenswerkes und f\u00fchlten uns verpflichtet, es in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu pflegen, damit auch die neue Generation seiner teilhaftig werden kann. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><span id=\"{C8A0CEDB-64E1-4093-B048-DBF0D80A8A55}\">*) Unter Anthroposophie verstehe ich die wissenschaftliche Erforschung der \u201egeistigen Welt\u201c, welche die Einseitigkeiten einer blo\u00dfen Naturwissenschaft (Erkennen des \u00c4u\u00dferen) ebenso wie diejenigen der gew\u00f6hnlichen Mystik (Erkennen des Inneren) \u00fcberwindet, und die, bevor sie den Versuch macht, in die \u201e\u00fcbersinnliche Welt\u201c einzudringen, dazu in der erkennenden Seele F\u00e4higkeiten entwickelt, um ein solches Eindringen erst zu erm\u00f6glichen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Rudolf Steiner<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><a style=\"color: #008000;\" href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/\">Startseite &#8211; Weisheiten f\u00fcr jeden Tag<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hans Henzi: \u201eIch f\u00fchle mich vom Leben reich beschenkt, hatte ich doch die Gnade zwei grossen Eingeweihten in meinem Leben zu begegnen. 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