{"id":9586,"date":"2017-03-04T08:57:37","date_gmt":"2017-03-04T07:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/tyvijiqi.cyon.site\/?page_id=9586"},"modified":"2022-08-14T06:14:29","modified_gmt":"2022-08-14T04:14:29","slug":"rede-gegen-den-krieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/tolstoikalender\/rede-gegen-den-krieg\/","title":{"rendered":"Rede gegen den Krieg &#8211; 1909"},"content":{"rendered":"<div class=\"row-fluid\">\n<div class=\"item-page\">\n<div>\n<p><span style=\"color: #008000;\"><a style=\"color: #008000;\" href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/?s=krieg\">Krieg<\/a><\/span><\/p>\n<h2><span style=\"color: #000080;\">Leo Tolstoi &#8211; Rede gegen den Krieg &#8211; 1909<\/span><\/h2>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Auf dem Friedenskongre\u00df, der im September 1909 in Stockholm tagen sollte, wollte Leo Tolstoi eine Ansprache an die Delegierten halten. Der Kongre\u00df fand nicht statt. Tolstoi hatte den Wunsch, zu gleicher Zeit allen V\u00f6lkern mitzuteilen, was damals zu sagen er verhindert worden war. Wir kommen unserer Menschenpflicht, die Worte des gro\u00dfen verehrungsw\u00fcrdigen Mannes weiterzugeben, wie er es wollte, hiermit getreulich nach. Wir lassen von seinen Worten keine Silbe weg; wir f\u00fcgen kein Wort hinzu.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #000080;\">Geliebte Br\u00fcder!<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wir haben uns hier versammelt, um gegen den Krieg zu k\u00e4mpfen. Gegen den Krieg, das will hei\u00dfen, gegen das, wof\u00fcr s\u00e4mtliche V\u00f6lker der Erde, Millionen und Millionen von Menschen, einigen Dutzenden, manchmal blo\u00df einem einzigen Menschen, nicht nur Milliarden von Rubeln, Talern, Franken, Jens, die einen gro\u00dfen Teil ihrer Arbeit repr\u00e4sentieren, sondern auch sich selbst, ihr Leben uneingeschr\u00e4nkt zur Verf\u00fcgung stellen. Und nun wollen wir, ein Dutzend Privatmenschen, die aus verschiedenen Enden der Erde zusammengekommen sind, ohne alle besonderen Privilegien, vor allem ohne jede Macht \u00fcber jemanden, k\u00e4mpfen; und wenn wir k\u00e4mpfen wollen, so hoffen wir auch zu siegen \u00fcber diese ungeheure Macht nicht etwa nur einer, sondern aller Regierungen, die \u00fcber Milliarden Geldes und \u00fcber Armeen von Millionen Menschen verf\u00fcgen und es nur zu gut wissen, da\u00df die Ausnahmestellung, die sie, d. h. die Menschen, welche die Regierung bilden, einnehmen, einzig und allein auf dem Milit\u00e4r beruht -, auf dem Milit\u00e4r, welches nur dann Sinn und Bedeutung hat, wenn der Krieg besteht, derselbe Krieg, gegen den wir k\u00e4mpfen wollen und den wir vernichten m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Bei solchen ungleichen Kr\u00e4ften mu\u00df ein Kampf als Wahnsinn erscheinen. Macht man sich aber die Bedeutung der Kampfmittel, die sich in den H\u00e4nden jener, die wir bek\u00e4mpfen wollen, und die sich in unseren H\u00e4nden befinden, klar, so werden wir nicht dar\u00fcber staunen, da\u00df wir uns zum Kampf entschlie\u00dfen, sondern dar\u00fcber, da\u00df das, was wir bek\u00e4mpfen wollen, \u00fcberhaupt noch besteht. In ihren H\u00e4nden befinden sich Milliarden von Geld, Millionen williger Soldaten, in unsern H\u00e4nden befindet sich nur ein Mittel, aber das allerm\u00e4chtigste Mittel der Welt &#8211; die Wahrheit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Und deshalb m\u00f6gen unsere Kr\u00e4fte noch so gering erscheinen in Vergleich mit den Kr\u00e4ften unserer Gegner, unser Sieg ist ebenso gewi\u00df, wie der Sieg des Lichtes der aufgehenden Sonne \u00fcber die Finsternis der Nacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Unser Sieg ist gewi\u00df, aber nur unter einer Bedingung &#8211; unter der Bedingung, da\u00df wir die Wahrheit verk\u00fcndigen und sie r\u00fcckhaltlos, ohne alle Umschweife, ohne jede Konzession, ohne jede Milderung heraussagen. Diese Wahrheit aber ist so einfach, so klar, so einleuchtend, so verbindlich nicht blo\u00df f\u00fcr den Christen, sondern f\u00fcr jeden vern\u00fcnftigen Menschen, da\u00df man sie nur in ihrer ganzen Bedeutung auszusprechen braucht, auf da\u00df die Menschen ihr nicht mehr zuwider handeln k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Diese Wahrheit ist in ihrer vollen Bedeutung in dem enthalten, was Jahrtausende vor uns in dem Gesetz, das wir das Gesetz Gottes nennen, in zwei Worten gesagt ist: T\u00f6tet nicht! Diese Wahrheit besagt, da\u00df der Mensch unter keinen Umst\u00e4nden und unter keinerlei Vorwand einen andern t\u00f6ten kann oder darf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Diese Wahrheit ist so klar, so allgemein anerkannt, so verpflichtend, da\u00df sie nur klar und bestimmt vor den Menschen aufgestellt zu werden braucht, damit das \u00dcbel, das Krieg hei\u00dft, vollkommen unm\u00f6glich werde. Und deshalb glaube ich, da\u00df wir, die hier zum Weltkongre\u00df versammelt sind, wenn wir diese Wahrheit nicht klar und bestimmt aussprechen, sondern uns an die Regierungen wenden und ihnen allerlei Ma\u00dfnahmen vorschlagen, um die \u00dcbel des Krieges zu verringern und die Kriege seltener zu machen, auf diese Weise jenen Menschen gleichen, die mit dem Torschl\u00fcssel in den H\u00e4nden gegen die Mauern Sturm laufen, die, sie wissen es wohl, ihre Anstrengungen nicht zu st\u00fcrzen vermag. Wir wissen, da\u00df alle diese Menschen gar kein Verlangen danach haben, ihresgleichen zu t\u00f6ten, zumeist sogar die Veranlassung nicht kennen, auf die hin man sie zur Ausf\u00fchrung dieser Tat zwingt, die ihnen widerlich ist; da\u00df ihnen ihre Lage, in der sie Bedr\u00fcckung und Zwang erleiden, zur Last f\u00e4llt; wir wissen, da\u00df die Mordtaten, die von Zeit zu Zeit von diesen Menschen ver\u00fcbt werden, auf Befehl der Regierung geschehen, wissen, da\u00df das Bestehen der Regierung durch die Armeen bedingt wird. Und nun finden wir, die wir die Vernichtung des Krieges anstreben, nichts Zweckm\u00e4\u00dfigeres zu seiner Aufhebung, als ihnen anzuraten, &#8211; ja, wem denn? den Regierungen, die blo\u00df durch das Milit\u00e4r, also durch den Krieg bestehen, &#8211; solche Ma\u00dfregeln zu ergreifen, die den Krieg vernichten sollen, d. h. wir raten den Regierungen, sich selbst zu vernichten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Regierungen werden mit Befriedigung all solche Reden h\u00f6ren, denn sie wissen nicht nur, da\u00df derlei Er\u00f6rterungen den Krieg nicht vernichten und ihre Macht nicht untergraben, sondern auch, da\u00df die eigentliche Ursache dadurch den Menschen nur noch besser verborgen wird, die Ursache, die sie vor ihnen verbergen m\u00fcssen, damit Armeen und Kriege und auch sie selbst, die diese Armeen befehligen, fortbestehen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">&#8222;Ja, aber das ist doch Anarchismus: niemals haben die Menschen ohne Regierung und Staat gelebt. Und darum sind Regierungen und Staaten und auch die Heeresmacht, die sie besch\u00fctzt, unerl\u00e4\u00dfliche Lebensbedingungen der Menschen&#8220;, wird man mir entgegnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Ganz abgesehen davon, ob ein Leben der christlichen V\u00f6lker und \u00fcberhaupt aller V\u00f6lker ohne Milit\u00e4r und Krieg, von denen Regierungen und Staat besch\u00fctzt werden, m\u00f6glich ist oder nicht, zugegeben sogar, die Menschen m\u00fc\u00dften sich unbedingt zu ihrem Wohle den Institutionen, welche aus Menschen bestehen, die sie nicht kennen und die sie Regierungen hei\u00dfen, knechtisch unterwerfen, zugegeben, sie m\u00fc\u00dften diesen Einrichtungen unweigerlich die Produkte ihrer Arbeit \u00fcberliefern, sie m\u00fc\u00dften allen Forderungen dieser Einrichtungen unbedingt bis zum Mord an ihren N\u00e4chsten Folge leisten, &#8211; auch wenn wir das alles zugeben, selbst dann bleibt noch eine Schwierigkeit, die unsere Welt nicht l\u00f6sen kann. Diese Schwierigkeit besteht in der Unm\u00f6glichkeit, den christlichen Glauben, zu dem sich alle Menschen, welche die Regierung repr\u00e4sentieren, mit besonderem Nachdruck bekennen, mit ihren aus Christen bestehenden Armeen, die sie zum Morde abrichten, zu vereinbaren. Man mag die christliche Lehre noch so sehr entstellen, mag nach Belieben sich um ihre Hauptlehren schweigend herumdr\u00fccken, die Grundidee dieser Lehre besteht doch nur in der Liebe zu Gott und den N\u00e4chsten. Zu Gott, das hei\u00dft zur allerh\u00f6chsten Vollkommenheit der Tugend, und zum N\u00e4chsten, das hei\u00dft zu allen Menschen ohne Unterschied. Deshalb, sollte man glauben, mu\u00df man eines von beiden anerkennen: entweder das Christentum mit der Liebe zu Gott und den N\u00e4chsten, oder den Staat mit Armeen und Krieg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Es ist sehr wohl m\u00f6glich, da\u00df das Christentum seine Zeit \u00fcberlebt hat und da\u00df die modernen Menschen, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, sich f\u00fcr das Christentum und die Liebe oder den Staat und den Mord zu entscheiden, finden werden, das Bestehen des Staates sei derma\u00dfen wichtiger als das Christentum, da\u00df man das Christentum vergessen und nur am Wichtigeren festhalten m\u00fcsse: am Staat und am Mord.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Alles das mag schon sein, &#8211; wenigstens k\u00f6nnen die Menschen so denken und f\u00fchlen. Dann aber mu\u00df man es auch so sagen. Man mu\u00df sagen, die Menschen unserer Zeit m\u00fc\u00dften aufh\u00f6ren zu glauben, was die gemeinsame Weisheit der ganzen Menschheit sagt, was das Gesetz, zu dem sie sich bekennen, verk\u00fcndigt, sie m\u00fc\u00dften aufh\u00f6ren zu glauben, was mit unvertilgbaren Z\u00fcgen in das Herz eines jeden gegraben ist, und m\u00fc\u00dften statt dessen an das glauben, was ihnen &#8211; den Mord inbegriffen &#8211; die und jene Menschen befehlen, Kaiser und K\u00f6nige, die durch Zufall oder Erblichkeit zu ihrer Stellung gekommen sind, oder Pr\u00e4sidenten, Reichstagsabgeordnete und Deputierte, die mit Hilfe von allerlei Schlichen gew\u00e4hlt worden sind. Das also mu\u00df man dann sagen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Nun aber kann man das nicht sagen. Nicht blo\u00df dies kann man nicht sagen, sondern weder das eine noch das andere kann man sagen. Sagt man, das Christentum verbietet den Mord, &#8211; so wird es kein Milit\u00e4r geben, es wird keinen Staat geben. Sagt man, wir, die Regierung, erkennen die Berechtigung des Mordens an und leugnen das Christentum, &#8211; so wird sich niemand einer Regierung unterwerfen wollen, die ihre Macht auf Mord aufbaut. Und noch eins: wenn der Mord im Kriege zul\u00e4ssig ist, mu\u00df er erst recht dem Volke gestattet sein, das sein Recht in der Revolution sucht. Und deshalb sind die Regierungen, da sie weder das eine noch das andere sagen k\u00f6nnen, nur um eines besorgt: ihren Untertanen zu verbergen, da\u00df es notwendig ist, zwischen diesen zwei Wegen die Entscheidung zu treffen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Darum also haben wir, die wir hier versammelt sind, um dem \u00dcbel des Krieges zu steuern, wenn wir unser Ziel wirklich erreichen wollen, nur eines zu tun: wir m\u00fcssen dieses Entweder-Oder mit voller Bestimmtheit und Klarheit aufstellen, in gleicher Weise vor den Menschen, welche die Regierung ausmachen, wie vor den Massen des Volkes, die das Milit\u00e4r bilden. Und dies m\u00fcssen wir in der Art tun, da\u00df wir nicht nur klar und offen die allen Menschen bekannte Wahrheit wiederholen: Ein Mensch darf den andern nicht t\u00f6ten! sondern noch dazu ausdr\u00fccklich erkl\u00e4ren, da\u00df keinerlei Er\u00f6rterungen die Menschen der christlichen Welt von der Verpflichtung, die diese Wahrheit in sich schlie\u00dft, befreien k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Deshalb m\u00f6chte ich unserer Versammlung den Vorschlag machen, einen Aufruf an die Menschen s\u00e4mtlicher und besonders der christlichen V\u00f6lker zu verfassen und zu ver\u00f6ffentlichen, worin wir klar und gerade heraus sagen, was zwar alle wissen, was aber niemand oder so gut wie niemand sagt: n\u00e4mlich, da\u00df der Krieg nicht, wie das jetzt die Menschen vorgeben, irgendeine besondere wackere und lobenswerte Sache sei, sondern da\u00df er, wie jeder Mord, eine abscheuliche und frevelhafte Handlung ist, und zwar nicht nur f\u00fcr die, welche die milit\u00e4rische Laufbahn aus freien St\u00fccken w\u00e4hlen, sondern auch f\u00fcr die alle, die sich ihr aus Furcht vor Strafe oder um eigenn\u00fctziger Interessen willen widmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Im Hinblick auf die Personen, die die milit\u00e4rische T\u00e4tigkeit freiwillig w\u00e4hlen, m\u00f6chte ich vorschlagen, da\u00df wir in diesem Aufruf klar und pr\u00e4zis zum Ausdruck bringen, da\u00df diese T\u00e4tigkeit, ungeachtet aller Feierlichkeit, allen Glanzes und der allgemeinen Billigung, die ihr zuteil wird, verbrecherisch und sch\u00e4ndlich ist, und zwar umsomehr, je h\u00f6her die Stellung ist, die der Mensch im Milit\u00e4rdienst einnimmt. Ebenso m\u00f6chte ich in bezug auf die Menschen aus dem Volke, die durch Androhung von Strafen oder durch Aussicht auf Gewinn zum Milit\u00e4r herangezogen werden, vorschlagen, da\u00df wir klar und bestimmt auf den gro\u00dfen Irrtum hinweisen, den sie gegen ihren Glauben, wie gegen die Sittlichkeit und den gesunden Menschenverstand dadurch begehen, da\u00df sie darein einwilligen, in die Armee zu treten: Gegen den Glauben dadurch, da\u00df sie in die Reihen von M\u00f6rdern treten und das von ihnen anerkannte Gesetz Gottes verletzen; gegen die Sittlichkeit dadurch, da\u00df sie aus Furcht, von Seiten der Beh\u00f6rden bestraft zu werden oder um eigenn\u00fctziger Interessen willen bereit sind, zu tun, was sie in ihrem Innern f\u00fcr schlecht erkennen; und gegen den gesunden Menschenverstand dadurch, da\u00df sie, wenn sie in das Heer treten, im Kriegsfall von denselben, wenn nicht noch schwereren Leiden bedroht sind, als die sind, die ihnen f\u00fcr die Dienstweigerung drohen; gegen den gesunden Menschenverstand vor allem aber schon darum, weil sie demselben Schlag Menschen sich beigesellen, der sie ihrer Freiheit beraubt und sie zum Milit\u00e4rdienste zwingt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Menschheit im allgemeinen und unsere christliche Menschheit im besonderen ist zu einem so schroffen Widerspruch zwischen ihren sittlichen Forderungen und der bestehenden Gesellschaftsordnung gelangt, da\u00df unbedingt eines ge\u00e4ndert werden mu\u00df, nicht das, was nicht ge\u00e4ndert werden kann: die sittlichen Forderungen des Gewissens sondern das, was wohl ge\u00e4ndert werden kann: die Gesellschaftsordnung. Diese \u00c4nderung, die der innere Widerspruch gebietet, der in der Vorbereitung zum Morde besonders scharf zu Tage tritt, wird von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag immer dringender. Die Spannung, die diese bevorstehende \u00c4nderung seit langem erzeugt, hat heute schon einen solchen Grad erlangt, da\u00df es, wie zum \u00dcbergang eines fl\u00fcssigen K\u00f6rpers in einen festen manchmal ein geringer Sto\u00df gen\u00fcgt, ebenso auch zum \u00dcbergang aus jenem grausamen und unvern\u00fcnftigen Leben der Menschen mit seiner Absonderung, seinen R\u00fcstungen und Armeen, zu einem vern\u00fcnftigen, den Forderungen der Erkenntnis der jetzigen Menschheit entsprechenden Leben m\u00f6glicherweise nur einer geringen Anstrengung, vielleicht nur eines Wortes bedarf. Jede solche Anstrengung, jedes solche Wort kann zu jenem Sto\u00df der abgek\u00fchlten Fl\u00fcssigkeit werden, der pl\u00f6tzlich die Fl\u00fcssigkeit in einen festen K\u00f6rper verwandelt. Warum sollte unsere jetzige Versammlung nicht diese Anstrengung sein? So, wie im M\u00e4rchen Andersens, als beim feierlichen Umz\u00fcge der K\u00f6nig durch die Stra\u00dfen der Stadt ging, und das ganze Volk entz\u00fcckt war ob der wunderbaren neuen Kleidung, ein Wort eines Kindes, das aussprach, was alle wu\u00dften, aber niemand sagte, alles ge\u00e4ndert hat. Es sagte: &#8222;Er hat ja gar nichts an&#8220;, und die Suggestion h\u00f6rte auf, und der K\u00f6nig sch\u00e4mte sich, und alle Menschen, die sich eingeredet hatten, ein wundersch\u00f6nes neues Kleid am K\u00f6nig zu sehen, wurden nun gewahr, da\u00df er nackt sei. Auch wir m\u00fcssen dasselbe sagen, wir m\u00fcssen sagen, was alle wissen und nur nicht zu sagen wagen, wir m\u00fcssen sagen, da\u00df, wenn die Menschen dem Mord einen noch so ver\u00e4nderten Namen geben, der Mord immer nur Mord bleibt &#8211; eine frevelhafte, schmachvolle Tat. Und man braucht nur klar, bestimmt und laut, wie wir das hier zu tun verm\u00f6gen, dies zu sagen, und die Menschen werden aufh\u00f6ren zu sehen, was sie zu sehen vermeinten und werden erblicken, was sie in Wirklichkeit sehen. Sie werden aufh\u00f6ren, im Krieg den Vaterlandsdienst, den Heldenmut, den Kriegsruhm, den Patriotismus zu sehen, und werden sehen, was da ist: die nackte frevelhafte Mordtat. Und wie die Menschen das sehen, wird dasselbe geschehen, was in dem M\u00e4rchen geschah: diejenigen, die die Freveltaten \u00fcben, werden sich sch\u00e4men, diejenigen aber, die sich eingeredet haben, da\u00df sie im Mord keine Frevelhaftigkeit sehen, werden sie jetzt gewahr werden, und werden aufh\u00f6ren. M\u00f6rder zu sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Wie aber sollen sich die V\u00f6lker gegen die Feinde wehren, wie soll die innere Ordnung aufrecht erhalten werden, wie k\u00f6nnen die V\u00f6lker ohne Milit\u00e4r bestehen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Welche Form das Leben der Menschen annehmen wird, wenn sie den Mord unterlassen, wissen wir nicht und k\u00f6nnen es nicht wissen, eines aber ist sicher: da\u00df es den Menschen, die mit Vernunft und Gewissen begabt sind, nat\u00fcrlicher ist, ihr Leben von Vernunft und Gewissen lenken zu lassen, als sich knechtisch denen zu unterwerfen, die das gegenseitige T\u00f6ten anordnen. Und sicher ist darum auch, da\u00df die Form der gesellschaftlichen Ordnung, die das Leben der Menschen annehmen wird, wenn sie sich bei ihren Handlungen nicht von der Gewalt, die auf Todesdrohungen gegr\u00fcndet ist, sondern von der Vernunft und vom Wissen leiten lassen, jedenfalls nicht schlimmer wird, als das Leben, das sie jetzt f\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Das ist alles, was ich sagen wollte. Es w\u00e4re mir sehr leid, wenn ich jemanden beleidigt, gekr\u00e4nkt oder b\u00f6se Gef\u00fchle in ihm erweckt h\u00e4tte. Doch w\u00e4re es f\u00fcr mich, einen 80j\u00e4hrigen Greis, der jeden Augenblick des Todes gew\u00e4rtig ist, eine Schande, nicht ganz offen die Wahrheit zu sagen, wie ich sie verstehe, die Wahrheit, die nach meiner festen \u00dcberzeugung allein die Menschheit von den unseligen Drangsalen zu erretten vermag, die der Krieg hervorbringt und unter denen sie leidet.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #000080;\">Zur Vorgeschichte von Leo Tolstois Rede gegen den Krieg<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Leo Tolstoi, wie wir ihn kurz nennen -Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi ist der volle Name &#8211; der zum Ehrenmitglied des internationalen Friedenskongresses ernannt worden war, bekam die Einladung, an dem Kongre\u00df, der im September 1909 in Stockholm stattfinden sollte, pers\u00f6nlich teilzunehmen. Tolstoi freute sich, da\u00df ihm so Gelegenheit geboten war, seine Pflicht, den Krieg zu bek\u00e4mpfen, an so wirkungsvoller St\u00e4tte zu erf\u00fcllen, beschlo\u00df, in Begleitung einiger seiner n\u00e4chsten Freunde trotz seines hohen Alters die Reise zu machen und teilte dem vorbereitenden Ausschu\u00df mit, er nehme die Einladung an. Die Presse in ganz Europa machte auch bald diese Absicht bekannt. Kaum vierzehn Tage nachher kam die Nachricht, der Kongre\u00df werde in diesem Jahre \u00fcberhaupt nicht stattfinden. Motiviert wurde diese \u00fcberraschende Abbestellung mit dem schwedischen Generalstreik. Merkw\u00fcrdig war das; denn erstens hatten die schwedischen Arbeiter beschlossen, dem Friedenskongre\u00df und Tolstoi zuliebe alles zu tun, damit der Streik der Veranstaltung keine Schwierigkeiten bereitete; und zweitens w\u00e4re es, wenn es wirklich angezeigt war, ja ein Leichtes gewesen, den Kongre\u00df anderswo als in Schweden abzuhalten. So behaupteten denn auch russische Bl\u00e4tter, allerdings ohne Beweise daf\u00fcr beizubringen, der Kongre\u00df w\u00e4re lediglich abgesagt worden, weil Tostois Absicht den Veranstaltern unangenehm gewesen w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Sache hatte noch ein kleines Nachspiel, das uns Deutsche immerhin interessieren kann. Unverzagt, wie Agenten dieser Art zu sein pflegen, richtete die Konzertdirektion Jules Sachs in Berlin an Tolstoi einen Brief, in dem er aufgefordert wurde, auf der R\u00fcckreise von Stockholm seinen Vortrag in Berlin zu wiederholen; nat\u00fcrlich vor einem zahlungsf\u00e4higen, sensationsl\u00fcsternen Publikum, gleich dem, das sich jetzt zu Gerhart Hauptmanns und Maximilan Hardens Konzertvortr\u00e4gen dr\u00e4ngt, denn es wurden Tolstoi f\u00fcr jeden Abend, an dem er reden w\u00fcrde, 3000 Francs angeboten. Tolstoi dachte nicht daran, sich vor einem solchen Publikum in Person produzieren zu wollen; immerhin wollte er auch auf diese Weise versuchen, seine Worte wirken zu lassen. Daher antwortete in seinem Namen sein Hausarzt am 14. August das Folgende:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">&#8222;L. N. Tolstoi ist gerne bereit, seinen Bericht, den er zum XVIII. Internationalen Friedenskongre\u00df, der dieser Tage in Stockholm abgehalten werden sollte, vorbereitet hatte, durch Ihr Etablissement an die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Selbst wird er jedoch nicht kommen, sondern m\u00f6chte es einem seiner Gesinnungsfreunde anvertrauen, den Bericht vorzulesen. Er hofft, da\u00df, wenn es mit der \u00dcbersendung des Berichts noch eine Weile dauern sollte, dies Ihnen nichts ausmacht. Er bittet Sie um Mitteilung, ob Sie einverstanden sind, zu warten. Ein Honorar w\u00fcnscht er nicht.&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die Konzertdirektion hatte nat\u00fcrlich nichts Eiligeres zu tun, als in die Zeitungen die Nachricht zu bringen, Tolstoi werde in Berlin seinen Vortrag halten, sollte es sein Gesundheitszustand nicht erlauben, selbst zu sprechen, so werde ein Freund den Text vorlesen. So kam es, da\u00df die Polizei, offenbar in dem Glauben, der Ausl\u00e4nder Tolstoi wollte pers\u00f6nlich kommen, sich einmischte, und die Rede zur Zensur verlangte. Das hatte nur einen Sinn, wenn es hei\u00dfen sollte: wir k\u00f6nnen den Ausl\u00e4nder, auch wenn es Tolstoi ist, r\u00fccksichtslos ausweisen, und wir tun es ohne weiteres, wenn wir nicht vorher feststellen d\u00fcrfen, was wir zu sprechen erlauben und was nicht. Anstatt nun frank und frei zu antworten: &#8222;Tolstoi hat nie daran gedacht, zu kommen; um das aber, was ein Deutscher spricht oder vorliest, sich vorher zu k\u00fcmmern, habt ihr kein Recht&#8220;, berichtete man erst lange an Tolstoi, der nat\u00fcrlich unsere Rechtsverh\u00e4ltnisse nicht kennen kann; und Tolstoi entschied, er denke nicht daran, sein Manuskript zur Zensur einzureichen. So unterblieb die Veranstaltung, obwohl niemand in der Welt einen Deutschen h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen, die Ansprache zu verlesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Mittlerweile hatte Tolstoi die Ver\u00f6ffentlichung in allen Sprachen vorbereitet.<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #000080;\">Editorische Notiz<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Tolstois \u201eRede gegen den Krieg&#8220; erschien erstmals am 1.12.1909 (erneut am 1.1.1913) in Deutsch in der \u00dcbersetzung von Gustav Landauer und in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift &#8222;Der Sozialist&#8220;. Nach dem Ersten Weltkrieg war es der anarchosyndikalistische Verlag &#8222;Der Syndikalist&#8220; von Fritz Kater (Berlin), der 1920 und 1921 die &#8222;Rede&#8220; als eine 8-seitige und geheftete Brosch\u00fcre publizierte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Nach 1945 brachte der Slawist Peter Urban den Text zusammen mit anderen politische Schriften Tolstois unter dem Titel &#8222;Rede gegen den Krieg&#8220; im Insel Verlag (Frankfurt a. M.) 1968 und in einer 2. Auflage 1983 heraus. Der Text geht auf einen Vortrag Tolstois zur\u00fcck, den er im September 1909 in Stockholm auf dem XVIII. Internationalen Friedenskongress h\u00e4tte halten sollen, der jedoch kurzfristig abgesagt wurde. Ab Ende 1909 wurde Tolstois nicht gehaltene Friedensrede in verschiedenen Sprachen \u00fcbersetzt und weltweit publiziert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Sonderdruck anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums &#8222;150 Jahre Bundesfestung Ulm&#8220;,\u00a0 Juni 2009<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\">Herausgegeben vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg e.V.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000080;\">im Verlag Klemm &amp; Oelschl\u00e4ger, Ulm, Juni 2009.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Original: Verlag \u00bbDer Syndikalist\u00ab, Fritz Kater, Berlin O 34, Kopernikusstra\u00dfe 25<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><em>Originaltext: Nachdruck der Brosch\u00fcre &#8222;Leo Tolstois Rede gegen den Krieg\u201c, Verlag &#8222;Der Syndikalist&#8220;, 1920. \u00c4nderungen in der Rechtschreibung, z.B. Ue zu \u00dc etc. Digitalisiert von www.anarchismus.at<\/em><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krieg Leo Tolstoi &#8211; Rede gegen den Krieg &#8211; 1909 Auf dem Friedenskongre\u00df, der im September 1909 in Stockholm tagen sollte, wollte Leo Tolstoi eine Ansprache an die Delegierten halten. Der Kongre\u00df fand nicht statt. Tolstoi hatte den Wunsch, zu &hellip; <a href=\"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/tolstoikalender\/rede-gegen-den-krieg\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":39,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"onecolumn-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/9586"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9586"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/9586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29482,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/9586\/revisions\/29482"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/39"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.anikodrozdy.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}